Künstler an die Quellen - Wasserkunst in Aachen

Dieser Entwurf ist die „Folie“ eines pensionierten Museumsleiters und Ausstellungsorganisators. Es verlangt nicht, realisiert
zu werden, sondern soll als Ideen- und Materialsammlung denen dienen, die in diesen Jahren über Aachen als Bad, die Aachener Quellen, sauberes Wasser, Trockenheiten und Überschwemmungen, Wasser, Schnee, Regen und Eis in den Künsten nachdenken.

Altgermanisch hieß es AHHA, römisch AQUAE GRANNI, im Mittelalter AQISGRANUM, in der Neuzeit BAD AACHEN. Es wird noch heute viel über Wasser gesprochen, obwohl die Stadt nicht an einem Fluss oder See liegt und keinen Schiffsverkehr kennt. Das Wasser kommt hier vielfältig aus der Erde, und an manchen Stellen ist es heiß. Die heißen Quellen Aachens sind seit mehr als 2000 Jahren bekannt und bestimmen die Siedlungs- und Kulturgeschichte der Stadt. Es waren die heißen Quellen, die Karl den Großen den Anlass gaben, hier eine Keimzelle Europas zu schaffen.

Zum unverwechselbaren Kulturprofil Aachens gehört die Vorstellung des Bades. Das Stadtbild ist reicher, wenn diese Vorstellung es prägt; wenn die Quellen sichtbar werden, wenn Ausstellungen auf die Vorstellung des Bades aufmerksam machen. Dieser Gedanke und diverse Gespräche haben mich geleitet, dieses Projekt zu entwerfen. Es ist nach Schnittstellen gegliedert, die den Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft erlauben und alle jene Grenzbereiche einschließen, die schon immer zwischen ihnen bestanden und die sich in der Neuzeit mit einer großen Zahl von Menschen bevölkert haben, die die Werte, die Energien, die Kräfte des Wassers zu behaupten und zu nutzen versuchen.

Landkarten der Aachener Region aus der Vergangenheit, der Gegenwart und solche, die uns hypothetisch die Zukunft demonstrieren, zeigen zwischen Maastricht, Eupen, Monschau und Eschweiler ein Netzwerk von großen und kleinen fließenden Gewässern, die alle in den Westen, zur Maas, in die niederen Lande strömen. In Eschweiler wechselt die Orientierung: sie strömen zum Rhein, nach Osten. Das Projekt kann und soll diesen topografischen Strukturen folgen. Sie begründen die Siedlungs-, Wirtschafts- und Industriegeschichte der Region. Die Textilfärber brauchten das heiße Wasser der Aachener Quellen, die Tuchmacher liebten in Monschau und Eupen das schnell fließende, kalkfreie, weiche Wasser zum Waschen, Färben und zum Antrieb ihrer Walk- und Schleifmühlen. Und die nahe Maas bot allen schnelle Transporte großer Waren- und Menschenmengen.

In diesen Jahren, in denen Stadt und Region zusammenwachsen, erscheint es konsequent, die kulturellen Orte in Monschau (KuK) und Eupen (IKOB) und Partner in Maastricht zu suchen.

Wasserkünstler an die Quellen - Vorschläge

Etliche Historiker aus dem Umkreis der RWTH waren damit beschäftigt, die Bäche – Pau, Paunelle, Johannisbach, Annuntiatenbach u.a. - zu rekonstruieren und sichtbar zu machen. Die Ergebnisse ihrer Forschungen erlauben, eine angemessene Präsentation zu erarbeiten.

Für die Ausstellung „Natural Reality“ haben die Künstler Tim Collins und Reiko Goto 2000 den Verlauf der Bäche durch Farblinien auf dem Pflaster der Straßen und Plätze der Innenstand sichtbar gemacht und dort, wo das Wasser in Brunnen hervorstieß, Grünpflanzen wachsen lassen. Diese Aktion ist ein Präzedenzfall, der darüber nachdenken lässt, wie die unterirdischen Bäche Aachens im Stadtbild (als Mosaiken im Pflaster z. B.) sichtbar gemacht werden könnten.

Damals traten Marko Pogacnik und andere Geomanten auf, die die unterirdischen Wasserverläufe als Energieströme untersuchten. Ihre Arbeit führt in wissenschaftliche Grenzbereiche (Pogacnik „Lithopunktur“; er setzte einen Stein mit einem Kosmogramm neben dem Drehturm auf dem Lousberg in Aachen) ebenso wie die taoistische Lehre Feng Shui, in der die Ausbreitung und Entwicklung vitaler Energie (des „Qui“) vom Wasser beeinflusst wird. Feng Shui beeinflusst heute die Planungen von Architekten, Innenarchitekten und Urbanisten. Es erscheint interessant, die Arbeit dieser Gruppen sichtbar zu machen. 

Dreißig heiße, schwefelhaltige Quellen sind historisch verbürgt, vier in Aachen und elf in Burtscheid erhalten, verstreut, versteckt unter Kanaldeckeln, in Kellern, verbunden durch Rohre und  Kanäle. Sie geben kein schönes Bild wieder von dem Aderngeflecht, das diese Siedlung von Anfang an belebt hat. Man sollte beginnen, diese Adern zu denken, Signale zu schaffen dort, wo sie sichtbar werden, und ihre Verbindungen markieren, offen zu legen, kalte und heiße Bäche zu schaffen dort, wo sie die Stadtlandschaft bereichern können. So würde man den Fragen der zahlreichen Touristen gerecht, die in der Stadt fragen, woher denn jener ungewöhnliche Duft kommt, den sie einatmen.

Die Aachener Quelllöcher haben ein Problem: immer weniger Menschen trinken ihr Wasser, weil es zu mineralhaltig, also vor allem salz-, arsen- und schwefelhaltig ist. Schon der Badearzt Blondel bot es nicht als Trinkwasser, sondern als Heilwasser an – und mit ihm begann die Trinkkultur in Heilbädern Europas. Es ist ein „Energydrink“ für Hochleistungssportler, und sein Reichtum an Mineralien beugt Krankheiten vor. Der  „Kaiserbrunnen“ aus der Kaiserquelle wird vorläufig nicht mehr abgefüllt. Die Quelle könnte überquellen, das heiße, korrosive Wasser könnte in den Grund, das Grundwasser und die benachbarten Hausfundamente dringen. (Bis man das neue Brunnenhaus baute, floss ein Anteil des Wassers der Mephistoquelle tatsächlich in die Kanalisation.)  So wie es eines neuen Bewusstseins für die Jahrtausende alten Erddenkmäler bedarf, so braucht der „Brunnen“, das Wasser der Quellen, das zum Trinken einlädt, eine neue Definition seiner Sonderstellung im Kreis der zahlreichen Mineralwässer. Eine Stadt, die sich Kaiserstadt nennt, sonnte auch auf ihren Kaiserbrunnen stolz zu sein vermögen.

Dort, wo die Quellen in den Grund auszulaufen drohen, sollte man sie anzapfen, das Wasser in große Aquarien füllen, die auf öffentlichen Plätzen dampfen und duften, in die Menschen ihre Füße oder ganzen Körper tauchen könnten. Künstler sollten etwas mit diesen Quelllöchern  tun, um die Aachener und die Touristen auf verehrungswürdige mehrtausendjährige, nicht sterbende ERDDENKMÄLER aufmerksam zu machen, auf Wasser aus einer Tiefe von 4.000 m, das noch bei 2.000 m eine Temperatur von 130° C und beim Austritt bis zu 70° heiß ist  

Die Stadtarchäologin erklärt, nur ihre FASSUNGEN gehörten zu ihrem Verantwortungsbereich:  Ihr Vorgänger hat freilich zugelassen, dass eine dieser Fassungen aus römischer Zeit, die komplette Apsis eines Caldariums, zerstört wurde, weil dort eine große Buchhandlung entstand. (Abbildung des Luftbildes)

Gleichzeitig beschäftigen sich die Hydrogeologen der RWTH  mit Problemen der Geothermie und schaffen eine bescheidene FASSUNG für ein Bohrloch vor dem Super C, einem mutigen Verwaltungsneubau der Universität, das dazu dienen soll, aus 3.000 m Tiefe heißes Wasser empor zu pumpen. 

Mittlerweile habe ich das historische Stichwort WASSERKUNST entdeckt, die von WASSERKÜNSTLERN  erarbeitet wurde, allen jenen, die Pumpwerke entwickelt haben, um Wasser gegen seinen Willen von unten nach oben und von oben nach unten zu transportieren. Es lohnt sich, ihre Werke zu besichtigen – von der „Pumpe“ in Eschweiler bis zu den Wasserwerken in Marly, die die Springbrunnen im Garten des Schlosses von Versailles bewegten. Dagegen nehmen sich die modernen Wasserkünste auf dem Rathausplatz von Lyon und auf der Dachterrasse des Aachen-Fensters bescheiden aus.

Das „Genie“ von Erfindern schuf diese Wasserkünste, ihr „ingenium“ machte sie zu „Ingenieuren“. Hier finde ich einen Ansatz für die Arbeit an den Fassungen der Aachener Quellen. Sie könnte sich darauf beschränken, Künstler zur „Dekoration“ der Quellfassungen aufzurufen. Dort, wo sie unter Kanaldeckeln verborgen sind, könnten die Kanaldeckel selbst durch leuchtende Abdeckungen ersetzt, ihre Position durch auffällige Pfosten/ Pfeiler/Masten/Straßenlampen mit Beschriftungen markiert werden. Die getünchte Mauer hinter dem Quellloch des „Großen Monarchen“ (der Name allein erregt Ehrfurcht) auf einem unwürdigen Parkplatz hinter dem Büchel könnte ein großes Graffiti tragen, das den „Quellgott“ „Großer Monarch“ zeigt. 

Aber dort, wo sie mit Pumpen verbunden sind, die auf eine frühere oder gegenwärtige Nutzung hinweisen, können die Pumpen selbst Anlass zu WASSERKÜNSTEN bieten, in denen die Temperatur und der Geruch des Wassers zum Thema wird. 

Keine der Quellen tritt unter Druck hervor, keine sprudelt, sie bildeten in der Vergangenheit Pfützen und Teiche, und es ist nicht schwer, sich neue Teiche vorzustellen, die aus dem Wasser der Quellen gebildet werden. Die heute offenen Quellen entlassen täglich etwa 3.120 m² Wasser. Sie müssen genutzt und entsorgt werden. Und die Rituale der Badekultur, die in der Vergangenheit das Quellwasser zum Baden und Trinken nutzten, sind geschrumpft: Bäder wurden geschlossen, Aachener Mineralwasser in Flaschen wird zur musealen Rarität. Es erscheint also notwendig, über die Nutzung dieser großen Menge von Heilwasser nachzudenken, das nur unter großen Gefahren dem Aachener Grundwasser zugeführt werden könnte. Es darf nicht unkontrolliert versickern.

Jeder, der sich in die Geschichte der Badestadt Aachen vertieft, wird zunehmend fasziniert von der gewaltigen Energie, die einige Löcher, in denen heißes Wasser brodelt, der Siedlung, Colonia, Kaiserresidenz, Bischofsstadt, Badestadt, Großstadt, Wissenschaftsstadt  im Laufe von zwei Jahrtausenden zugeführt haben. Er wird sich einen Ort wünschen, in dem diese Leistungen visualisiert, vorgeführt und in dem Spuren, Trümmer und Reste dieser Vergangenheit aufbewahrt und gepflegt werden.

Warum muss die zauberhafte Badekammer des Fürstenbades ein bescheidenes Leben hinter dem Restaurant der Kurparkterrasse in Burtscheid fristen?  Warum liegen korrodierte „Quellschläuche“ und Rohre im Keller eines Kaufhauses? Wie viele Menschen haben die Gelegenheit, jenes liebenswerte Giebelrelief im Keller des „Aachen-Fensters“  zu sehen, das die Geschichte des Pferdes von Karl dem Großen erzählt, das vor einem der heißen Tümpel strauchelte? 

Die Museologen werden dieses Relief unter Umständen wieder entdecken, um es in einem Schauraum am Katschhof zu zeigen, der noch einmal der Huldigung Karls des Großen dient. Und die Focussierung des historischen Blicks der Aachener auf seinen 1.200. Todestag 2014 wird sie noch einmal daran hindern, über die Henne nachzudenken, die das Ei gelegt hat. Aber die Struktur, der Grundriss, der Stadtplan, auf dem nicht nur die Bauten Karls, sondern die ganze Stadt gewachsen ist, die ihre Kultur bestimmt hat und bis heute bestimmt, ist von den Quellen, den Bächen, den Teichen und Seen bestimmt, die sich ihre Wege in das Gelände gesucht haben. Ihnen sind die Menschen wahrhaftig mehr gefolgt als einem Kaiser, den sie nur selten zu Gesicht bekamen.

Die kulturtragenden Institutionen Aachens haben immer auch Künstler aus vielen Ländern eingeladen, um sich und ihre Werke hier zu präsentieren. Es ist auch vorgekommen, dass sie gebeten wurden, auf historische oder geologische Eigenheiten Aachens zu reagieren. So haben Tim Collins und Reiko Goto 1999 unter dem Titel „Watermark“ mit golden leuchtender Farbe auf dem Pflaster der Innenstadt den Weg der heute unterirdischen Bäche nachgezogen und große Aufmerksamkeit gefunden. Es erscheint konsequent, dieses Beispiel als Einladung zu verstehen, ihm weitere folgen zu lassen.

Die Vorstellung, einen oder mehrere gereinigte große Müllcontainer in der Innenstadt in der Nähe von Quelllöchern aufzustellen und mit ihrem Wasser zu füllen, ist von einer New Yorker Aktion angeregt, die dort in der Hitze des Sommers den Kindern in Stadtvierteln, die keinen Zugang zu öffentlichen Badeanstalten haben, Bademöglichkeiten bot – ein großer Erfolg bei der Bevölkerung und in den Medien. In Aachen empfiehlt sich die Aktion im Umfeld des Weihnachtsmarktes: man könnte sich im heißen Wasser die Hände wärmen. 

Man muss nicht dem großen und kostenaufwendigen Beispiel der Wasserfälle von Olafur Eliasson in New York folgen, aber warum sollte nicht auch in der Aachener Innenstadt ein kleiner Katarakt aus dem Quellwasser gespeist werden? 

Es könnte freilich auch ein witziger Umlauf-Springbrunnen in einem Quellwasserteich wie der des Schweizer Künstlers Roman Signer 2006 sein, der einen Stiefel in einen schwingenden Brausekopf verwandelt. 

Auf dem Rasen vor den Burtscheider Kurterrassen dort, wo ein Stahldeckel die Rosenquelle verbirgt, könnte ein „Aquarium“, ein großer Glaskörper der VEGLA stehen, den das Wasser der Quelle füllt. Vielleicht könnten Badende darin ein „Wasserballett“ aufführen so wie einige Tänzer im Prolog zu „Dido und Aeneas“ von Henri Purcell 2005 in der Staatsoper Berlin in einer Choreografie von Sasha Waltz oder einen „Sirengesang“, wie Eva-Maria Grüneberg ihn in einem Videostück produziert hat. 

Ich kann mir sogar vorstellen, dass der Schweizer Künstler Franticek Klossner Gefäße, die von Abgüssen der Köpfe von Passanten und anderen hergestellt wurden, mit Quellwasser füllt, in einem Kühlbehälter einfriert, die Formen zerbricht und die Köpfe in einem großen Kühlbehälter ausstellt, in dem sie zu besichtigen sind. 

Weitere Beispiele können leicht gefunden und auf ihre Eignung abgeklopft werden. Keimt die Erkenntnis, dass die kulturelle Bedeutung der Thermalquellen für Aachen mit Hilfe zeitgenössischer Künstler sichtbar gemacht werden KANN und dass solche Arbeiten und Ereignisse für das Selbstgefühl der Aachener und ihrer Gäste in hohem Maße nützlich sein können, so werden sich auch Mittel und Wege finden, den Prozess ihrer Realisierung in Gang zu setzen.