Wasser? Aachen? Water? Aix-La-Chapelle?

Die Welt

Ein Asteroid brachte ein Wassermolekül auf die Erde. Heute ist sie in großen Teilen von Wasser bedeckt. Alle – Menschen, Tiere, Pflanzen – brauchen Wasser. Aber das Wasser ist ungleich verteilt. Viele Informationen darüber werden erarbeitet – über den reichen Inselstaat Singapur, der zu klein ist, um den Regen aufzufangen, den er reichlich empfängt – über die Kressebauern von St. Omer, die ihr Grundwasser der Nachbarstadt Dünkirchen nicht zur Verfügung stellen wollen, weil sie um ihre Ernten fürchten – über die alte Kathedrale von Mexiko City, die mittlerweile 9 m gesunken ist, weil das Grundwasser abgepumpt wird – über den weltweiten Handel mit Wasser – über den ungeheuren Müll der Plastikflaschen, in denen „gesünderes“ Wasser als das aus den Wasserhähnen transportiert wird - über Entsalzungs- und Abwasseraufbereitungsindustrien. Sehr viele  sind damit beschäftigt, über Wasser zu denken, zu planen, zu forschen. Nicht wenige kämpfen schon darum. 

Die Euregio Maas – Rhein und Aachen


Lüttich und Maastricht sind Städte an einem Fluss. Der Schiffsverkehr machte sie zu Zentren. Aachen wächst weiter in die Dimensionen einer Großstadt, ohne an einem Fluss zu liegen. Aachen hat heißes Wasser, heilsame Quellen, die offenbar seit mehr als 2.000 Jahren bekannt sind. Aachen ist von Bächen durchzogen, von kleinen Flüssen umgeben, flankiert von Mittelgebirgen, in denen Staudämme die Wasserversorgung der Stadt sicher stellen. In Aachen regnet es häufig. Es ist nicht zu erwarten, dass die Bürger Aachens mit Wasserproblemen zu kämpfen haben werden.
Aber Aachen kann sich durch den Klimawandel der Gegenwart verändern, in etlichen Jahrzehnten unter Umständen etwa das Klima erleben, das heute Malaga in Südspanien hat: regen- und schneereiche Winter, heiße, trockene Sommer. Die Aachener werden froh sein, dass am Rand ihrer Stadt  in der gleichen Zeit drei große Seen in den leergeschaufelten Braunkohlengruben der Inde-Landschaft, von Hambach und Garzweiler entstehen – eine Seenlandschaft von etwa 8.000 ha, aufgefüllt mit den Wassern der Rur und des Rheins.
Aachen und seine größere RWTH und kleinere FH bilden keinen homogenen Körper. Diese großen Organismen und ihre Mitarbeiter und Studenten betrachten sich nicht  als Aachener Bürger, sondern als Gäste, die Dankbarkeit zu fordern Gründe haben. Wasser ist eines der Elemente, die in ihnen vielfältig erforscht werden. So gibt Wasser eine Möglichkeit, mit ihnen über die Wasserstadt Aachen zu sprechen.
Das Gespräch, das ich herbeiführen möchte, ist ein partnerschaftlicher Diskurs zwischen Kunst und Technik, zwischen Künstlern und Wissenschaftlern und zwischen denen, die hinter den einen und den anderen stehen – den Kulturpolitikern, Museologen, Ausstellungskuratoren, Galeristen, Sammlern einerseits und andererseits den Vertretern der Industrien, denen die Techniker der RWTH zuarbeiten, mit denen sie verbrüdert sind.

Die Quellen und Bäche


Der erste Blickpunkt der Innensicht auf Aachen sind die Quellen und Bäche.  Sie sind vernachlässigt und missachtet, und es bedarf der Architekten und Künstler, um sie sichtbar zu machen und zu fassen. Aachen  verfügt wie andere Städte aus liebenswertem Interesse über zahlreiche Brunnen, und tatsächlich: einige dampfen und duften, wenn auch unspektakulär und ohne Hinweise auf 30 Quellen, die zu den heißesten nördlich der Alpen gehören. Die CAROLUS THERMEN BAD AACHEN ist ein hervorragendes Thermalbad am Rand der Innenstadt, aber offene Becken mit heißem Wasser in der City, und wären es gereinigte Müllcontainer wie in New York, würden das Bewusstsein einer Wasserstadt ungleich stärker fördern.

1999 haben Tim Collins und Reiko Goto im Rahmen der Ausstellung „Natural Reality“ des Ludwig Forums etliche Brunnen, die zum Verbund der Bäche gehören, mit Blumen geschmückt und durch eine goldene Linie auf dem Straßenpflaster, den Lauf der Bäche nachziehend, verbunden. Noch heute werden die Spuren dieser Linien von vielen beachtet. Könnten sie nicht durch Mosaiken im Boden dauerhaft erhalten bleiben?

Das kulturelle Leitbild


Bad Aachen war vor 200 Jahren ein eleganter kleiner Ort, den eine feine bürgerliche Gesellschaft gern besuchte. Blondel hatte sie überzeugt, dass man das Aachener Wasser sogar trinken konnte. Aachen heute hat nicht mehr diese Außensicht, die touristischen Botschaften, auf die die Stadt sich verlässt, schließen sich schwer zu einem kulturellen Leitbild zusammen: der altgediente Karlspreis, Alemannia und das neue Stadion, das punktuelle Ereignis des Reitturniers, die „Route Charlemagne“, der Hort moderner Kunst im Ludwig Forum, Karl der Große, dessen Bild in der Geschichte keiner Korrekturen mehr zu bedürfen scheint, die RWTH und die FH. Es bleibt die „magische“ Grabkapelle des Carolus Magnus, das Schatzhaus des Doms inmitten der Bächen und Quellen, die sein Erbauer schon genutzt hat. Wenn eine aktuelle TV-Serie von Mega-Bauten spricht und damit Großbauten mit extravaganten historischen Dimensionen meint, so haben die Aachener sicher Recht, das Münster unter diesen Megabauten zu sehen, aber sie können auch den internationalen architektonischen Anspruch der Fronleichnamskirche und den des Klinikums einfordern und sie können die Hoffnung nähren, dass die RWTH mit dem Super C begonnen hat, in seiner große Flächen deckenden Besiedlung ( 798.000 qm!) weitere baukünstlerische Zeugnisse, weitere „Leuchttürme“ zu errichten. Einer von ihnen sollte in der „Wissensregion“ nicht allein der unheiligen Allianz von Wirtschaftsunternehmen und wissenschaftlichen Institutsclustern dienen, sondern der Begegnung von Stadt- und Wissenschaftskultur. Hier könnte am deutlichsten das Versprechen der Europastadt eingelöst werden, hier wäre ein Ort, „wo Europa zu Hause ist“ (ein Slogan von www.aachen-emotion.de).